Im Gngelwagen

Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so groer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur lngst von fremder Leitung freigesprochen, dennoch zeitlebens unmndig bleibt; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormndern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmndig zu sein. Habe ich ein Buch, das fr mich Verstand hat, einen Seelsorger, der fr mich Gewissen hat, einen Arzt, der fr mich die Dit beurteilt, und so weiter, so brauche ich mich ja selbst nicht zu bemhen. Ich habe nicht ntig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrieliche Geschft schon fr mich bernehmen.

Dass der bei Weitem grte Teil der Menschen (darunter das ganze schne Geschlecht) den Schritt zur Mndigkeit, auer dem dass er beschwerlich ist, auch fr sehr gefhrlich halte: Dafr sorgen schon jene Vormnder, die die Oberaufsicht ber sie gtigst auf sich genommen haben. Nachdem sie ihr Hausvieh zuerst dumm gemacht haben und sorgfltig verhteten, dass diese ruhigen Geschpfe ja keinen Schritt auer dem Gngelwagen, darin sie sie einsperrten, wagen durften: So zeigen sie ihnen nachher die Gefahr, die ihnen drohet, wenn sie es versuchen, allein zu gehen. Nun ist diese Gefahr zwar eben so gro nicht, denn sie wrden durch einige Mal Fallen wohl endlich gehen lernen; allein ein Beispiel von der Art macht doch schchtern und schreckt gemeiniglich von allen ferneren Versuchen ab.

Imanuel Kant

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